REAL TALK: Nostalgie – Wenn die Vergangenheit Geschichten erzählt

„Oma, erzähl mir davon als du ein kleines Mädchen warst!“ Das war einer meiner Lieblingssätze als kleines Mädchen, als ich die Wochenenden bei Oma und Opa verbrachte. Meistens in Verbindung mit einer Tasse heißer Schokolade, ließ ich mir jedes Wochenende die gleichen Geschichten erzählen und ich sog sie ebenso wie das süße Getränk in mir auf. Die Vergangenheit faszinierte mich schon eh und je, als ich von der Blogparade „Nostalgie“ auf Sprotten Stories laß war mir klar, hier muss ich mit einem Beitrag mitwirken.

Schätze der Vergangenheit
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In alten Büchern die Vergangenheit suchen.

Meine nostalgischen Erinnerungen verbinde ich mit dem träumerischen Wandeln in der Vergangenheit meiner Vorfahren. Die Kindheit meiner Großeltern und deren Lebenswelt faszinierten mich schon im Vorschulalter. Klar, die Vorstellung, dass auch die Großeltern mal Kinder waren ist für ein Kind absolut verrückt, die Lebensumstände in denen sie lebten schier unverständlich. Glücklicherweise hatte meine Oma so einige Relikte der Vergangenheit aufbewahrt. Für mich wahre Schätze! Ihre alte Puppenstube, das vergriffene Märchenquartett, die zerbrechlichen Sandsteinspielklötze waren die wohl wertvollsten Spielsachen mit denen ich in meiner Kindheit gespielt hatte. Im Spiel mit diesen Gegenständen versetzte ich mich in eine andere Zeit. Ebenso liebte ich Geschichten aus den alten Märchen- und Geschichtenbüchern, die Hochsprache, die wunderschönen verschnörkelten Buchstaben, der vergilbte Geruch des alten Papiers hatten es mir angetan. Bis heute frage ich mich, ob meine Bücher auch irgendwann so wundervoll alt riechen werden.

Zeugen der Vergangenheit
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Irgendwas schien damals nicht so wichtig zu sein. Zumindest verzichtete man im Gesundheitsbuch auf Details.

Mein Interesse an der Vergangenheit ließ auch mit zunehmendem Alter nicht nach und so war es nicht verwunderlich, dass ich Geschichte studierte. Mit meinem erworbenen Wissen schaue ich mir nun die verschiedenen Überbleibsel aus dem Familienerbe mit einem anderen Blick an. Zum Beispiel bereiteten mir als Kind die alten Gesundheitsbücher meiner Oma große Freude. Nicht aus medizinischem Interesse, sondern wegen der teilweise schaurigen Illustrationen und den aufklappbaren Papiermenschen auf der letzten Seite des Buches. Als meine Oma mir vor ein paar Jahren die Bücher schenkte, musste doch sehr lachen, als ich bei der Durchsicht feststellte, dass der gute Mann auf der letzten Seite keinen Penis besitzt. Als Kind war es mir nie aufgefallen, jetzt sehe ich diese Tatsache als eine bewusste Leerstelle der Vergangenheit, soviel zur Sexualität in der Kaiserzeit. In 100 Jahren hat sich da zum Glück so einiges geändert. Neben lustigen Dokumenten, bleibt aber auch ein bitterer Beigeschmack, wenn man die gesammelten Feldpostbriefe meiner Urgroßmutter studiert. Beim Betrachten der Postkartenillustrationen fallen neben den romantischen Liebesschwüren viele Postkarten mit antisemitischen und rassistischen Bebilderungen aus dem ersten Weltkrieg auf. Ein dunkles Zeugnis der Geschichte, etwa auch eines meiner Vorfahren?

Idealisierung und Träumerei
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Sehnsucht nach Frieden und Trost an die Angehörigen.

Wie meine Vorfahren gedacht haben kann ich aus den Überbleibseln meiner Familiengeschichte nicht erschließen. Die Feldpostbriefe aus dem zweiten Weltkrieg, welche meine Urgroßmutter von ihren Brüdern aus dem Schützengraben erhalten hatte, erzählen schlicht und ergreifend von der Sehnsucht nach der Heimat und einem baldigen Frieden. Die Worte sind nicht ausschweifend, eher geradezu belanglos. Mit Sicherheit wollte man die Lieben zuhause nicht verängstigen. Mit meinen romantischen Träumereien aus meiner Kindheit haben diese Briefe nichts zu tun.  Meine persönlichen nostalgischen Erinnerungen treffen heute auf sachlich nüchternes Geschichtswissen. Bevorzugt gilt mein Interesse an Geschichte bis heute der Sozialgeschichte. Wie lebten die Menschen? Wie gestaltete sich ihr Alltag? Dennoch, die ein oder andere Träumerei bleibt.

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Ist dieses Bild Zeuge einer tragischen Liebesgeschichte?

Ich hatte das große Glück in meinen ersten Lebensjahren meine Urgroßmutter kennenzulernen. Sie war für mich eine richtige Urgroßmutter, wie man sie sich vorstellt. Ein Mütterchen mit Schürze und Dutt: Meine Uri! Sie trug die Vergangenheit geradezu mit sich. Als ich von meiner Oma die alten Feldpostkarten und Briefe bekam, befand sich unter ihnen auch eine Fotografie von meiner Urgroßmutter in jungen Jahren mit einem jungen Mann. Auf ihrem Schoß liegen weiße Blumen und er trägt die Uniform eines Soldaten. Dieses Bild musste gemacht worden sein, bevor er den Weg auf eines der Schlachtfelder des ersten Weltkrieges antrat. Doch, wer war er? Meine Oma konnte den jungen Soldaten an der Seite meiner Urgroßmutter nicht zuordnen und sogleich schlug mein Herz höher. War er vielleicht die erste große Liebe meiner Urgroßmutter? Gefallen als einer der vielen Soldaten im ersten Weltkrieg?

Meine kleine Nostalgieader fing an zu pulsieren und auch meine Oma konnte sich den romantischen Fantastereien nicht entziehen. Einige Indizien sprachen schließlich für eine tragische Liebesgeschichte. Meine Urgroßmutter hatte meinen Urgroßvater im, für damalige Verhältnisse, hohen Alter von 30 Jahren geheiratet. Heiratete sie so spät, weil sie vielleicht zuerst den Verlust ihrer ersten großen Liebe überwinden musste?

Ich werde es wohl nie erfahren, doch mir bleibt die Geschichte erhalten, auch wenn diese meiner Fantasie entspringen.

– In Liebe zur Nostalgie –

4 Kommentare zu “REAL TALK: Nostalgie – Wenn die Vergangenheit Geschichten erzählt

  1. Wenn ich das lese denke ich auch an meine Kinderheit zurück, die Geschichten meiner Oma von ihrer Kindheit, die für mich immer ein großes Abenteuer waren. Erst als ich älter wurde, wurde mir bewusst wie arm die Menschen damals waren und doch glücklich. Besonders schön war es mit Oma im großen Bauernbett zu liegen warm eingepackt mit Bettflasche ihren Kindheitserinnerungen zu lauschen und beim Glockenschlag der Kirchturmsuhr mit zu zählen, um zu wissen wieviel Uhr es ist.

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  2. Liebe Mine, ganz herzlichen Dank für deinen tollen Beitrag zu meiner Blogparade! Liest sich total schön …Es ist toll, dass du deine Urgroßoma kennenlernen und sogar die Feldpost lesen konntest – egal, wie belanglos sie sein mochte. Es zeigt doch auch, dass sich Menschen über alle Generationen und (technischen, politischen, wirtschaftlichen …) Entwicklungen hinweg immer wieder die gleichen Gedanken um Freundschaft, Familie und Liebe machen, vielleicht, weil es einfach das wichtigste im Leben ist … Viel Freude weiterhin mit deinem Blog! Herzlichst, Imme / sprotten-stories.com

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  3. Pingback: Monatsrückblick: September | GUTE MINE

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